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Sichuan und seine Gebirge

Im Folgenden finden Sie eine grobe und allgemeine Beschreibung Sichuans sowie seiner Gebirge im Westteil. Dies soll Ihnen einen gewissen Überblick verschaffen und erhebt deswegen keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Detailliertere Informationen finden sie bei unseren Tourenbeschreibungen oder weiterführenden Links. Da für einige Namen verschiedene lateinische Umschriften im Gebrauch sind, wurden im Text weitere, häufig verwendete Ausdrücke in Klammern ( ) ergänzt.

INHALTSANGABE

1. Geographie
2. Klima & Wetter
3. Bevölkerung
4. Fauna & Flora
5. Religion
6. Geschichte & Kultur
7. Politik
8. Tourismus

 

1. Geographie

Allgemeines

Die Provinz Sichuan (Ssu ch'uan, Szechwan) liegt im Südwesten Chinas und lässt sich im Groben in das Sichuanbecken im Osten und fünf mächtige Gebirgszüge im Westen unterteilen. Das Sichuanbecken – wegen seiner roten, lehmhaltigen Erde auch als Rotes Becken bezeichnet – ist eigentlich Namensträger (Si= vier, Chuan= Strom) und Kernstück der Provinz. Es hat eine Fläche von gut 200 000qkm , was mehr als der Hälfte der Fläche der Bundesrepublik Deutschland entspricht, aber nur ein gutes Drittel der gesamten Provinzfläche ausmacht. Den Rest stellen die Gebirge im Westen der Provinz. Die ebenfalls vollständig im Sichuanbecken liegende regierungsunmittelbare Stadt Chongqing wurde 1997 von der Provinz Sichuan abgegliedert und deckt etwa ein Drittel des Roten Beckens. Die Provinzhauptstadt ist Chengdu, das auf 500m über dem Meer und auf Höhe des 31sten Breitengrades liegt (zum Vergleich: Kairo 30o n. Br.).

 

Topographie

Das Becken hat die Form einer riesigen ovalen Auflaufform und ist vollkommen abgeschlossen. Es wird begrenzt vom 3000m hohen Wu-gebirge im Osten, dem Qinling- (3767m) und Daba-Gebirge im Norden und Nordosten, dem niedrigeren Daluo-Gebirge im Südosten und Süden und von den zum tibetischen Hochplateau aufsteigenden hohen Gebirgsketten im Westen. Im späten Paläozen (vor 570 Mio. bis 225 Mio. Jahren) bildete es einen Golf des chinesischen Meeres. Von relativ großer agrarischer Bedeutung ist die Chengduebene im Westen des Beckens, die sich durch flaches, fruchtbares Land von dem sonst recht hügeligen Beckenboden unterscheidet.

 

Wasser

Den Namen Sichuan erhielt die Provinz von vier mächtigen Strömen: Min Jiang, Tuo Jiang, Fu Jiang und Jialing Jiang, die das Becken von Norden nach Süden durchfließen. Allesamt münden sie dann in den längsten Fluss Chinas, den Yangzi Jiang oder Chang Jiang, wie er hier am Mittellauf heißt. Dieser benutzt dann den einzigen Ausgang aus dem Sichuanbecken durch die spektakulären „Drei Schluchten“. Die vier Ströme entspringen alle dem im Westen gelegenen tibetischen Hochplateau bzw. den im Nordwesten vorgelagerten Gebirgen.

 

Westsichuan

Die aufeinander treffenden tektonischen Platten Eurasiens und Indiens werfen den Himalaja im Süden des tibetischen Hochplateaus auf. Im Osten des Plateaus wird jedoch ein breiter und verzerrt wirkender Gebirgskomplex geformt. Dieser zieht sich vom Norden Myanmars über den Norden der Provinz Yunnans und den Westen der Provinz Sichuans bis in den südlichen Teil der Provinz Gansu und begrenzt somit das Sichuanbecken nach Westen. Es wird grob in fünf Gebirgszüge unterteilt, die ausschließlich durch in Nord-Südrichtung verlaufende Täler getrennt werden. Sie heißen vom Becken ausgehend: Min Shan (Shan = Gebirge oder Berg), Qionglai Shan, Daxue Shan, Shaluli Shan und Hengduan Shan.

Die Landschaft ist gekennzeichnet von schroffen, gletscherbedeckten Gebirgsketten (bis über 7000m), engen Schluchten, weitläufigen Wäldern und Grasmatten und bildet einen imposanten und abwechslungsreichen Übergang vom Sichuanbecken ins Hochplateau. Das Wechselspiel von markanten Gebirgszügen, tobenden Flüssen und Grasebenen ist charakteristisch für das Land und einmalig auf der ganzen Welt.

Die Baumgrenze liegt zwischen 3800m und 4000m, die Schneegrenze etwa bei 5000m. Die einzelnen Bergmassive sind ungewöhnlich angeordnet und bilden abhängig von Höhe, Ausmaß und Lage sehr unterschiedliche Landschaften und Ökosysteme, und bieten somit eine unermessliche Bandbreite an Erlebnismöglichkeiten.

Der längste Strom Westsichuans (neben dem Yangzi) ist der Yalong Jiang. Jenseits des Shaluli Shan, in einem geraden Nord-Süd-Tal, umfasst der Yangzi Jiang, der hier am Oberlauf Jinsha Jiang (=Goldsandstrom) heißt, die restlichen Gebirgsketten und definiert somit die Grenze zwischen Tibet und Westsichuan. In Sichuan passiert er als erstes das Chola Gebirge (Que'er Shan, höchster Gipfel 6168m), eine schmale aber pikante Gebirgskette, die den Shaluli-gebirgszug nach Norden hin quer abschließt. Nach knapp zweitausend km und einem Richtungswechsel nach Nordosten tritt er bei Yibin ins Sichuanbecken und nennt sich von nun ab Changjiang (s.o.).

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2. Klima & Wetter

Subtropisches Klima im Becken

Die von kalten Nordwinden geschützte und abgeschlossene Lage ist mitunter der Grund für das feuchte, subtropische Klima innerhalb des Beckens. Frühling und Herbst kommen nicht sonderlich zur Geltung. Heiße, feuchte Sommer und mäßig kalte aber feuchte Winter (Tiefsttemperatur über 0o C) bestimmen hier die Jahreszeiten. Unmittelbar am Westrand des Sichuanbeckens macht sich dies besonders bemerkbar: Hier ist die höchste Jahresniederschlagsmenge der gesamten Provinz zu verzeichnen, die im Sommer zur Regenzeit besonders hoch ist. Wolken und Nebel lassen der Sonne nur selten Vortritt.

 

Hochgebirgsklima im Westen

Richtung Westen, jenseits der ersten Gebirgskette (Min Shan) verändert sich das Klima jedoch schlagartig in trockenes und kaltes Hochland- bzw. Hochgebirgsklima.

Aufgrund des tiefen Breitengrades und der hohen Lage in Bergen und Hochebene spielt die Sonnenstrahlung eine außerordentliche Rolle: Scheint die Sonne, muss man innerhalb weniger Minuten um die Unversehrtheit der eigenen Haut fürchten; verschwindet sie nur für kurz, ist es ratsam, unverzüglich eine Schicht warme Kleidung überzuziehen. Besonders im Sommer sollte man sich der Bedeutung des raschen Temperaturwechsels bewusst sein.

In den Monaten Juni, Juli, August und September bestimmt der aus Indien kommende Monsun mit Regen und Gewittern das Wetter. Temperaturschwankungen von über 20o C sind nicht selten. In höheren Lagen kann auch ohne weiteres einmal Schnee fallen. Der Winter hingegen ist kalt und trocken. Mit bis zu niederschlagsarmen -30o C bannt er Menschen und Tiere in tiefer gelegene Gefilde.

 

Reisezeit

Die idealste Reisezeit hängt jeweils vom Charakter der Tour ab:

Gipfelexpeditionen sind im Frühjahr und Herbst mit hoher Erfolgsquote zu verzeichnen. Der Sommer ist insgesamt recht unbeständig und eignet sich wegen Neuschnee und hoher Lawinengefahr nicht für solche Unternehmungen.

Trekkingtouren hingegen sind zu jeder Zeit durchführbar, (es gibt nichts Aufregenderes, als einen von Nebel und Baumbart verhangenen Märchenwald zu durchwandern). Dem sei auch hinzuzufügen, dass sich an einigen Orten das Mikroklima nicht wie im Allgemeinen verhält.

Bird-watching-touren richten sich nach der Zielgruppe der Vögel und ihrem Brut-, Überwinterungs- oder Durchzugsgebiet und sind daher zu jeder Zeit attraktiv.

Kulturreisen sind wetterunabhängig. Die meisten traditionellen bzw. religiösen Feste der Tibeter finden jedoch im August statt.

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3. Bevölkerung

Han-Chinesen

Im extrem dicht besiedelten Sichuanbecken leben fast ausschließlich Han-Chinesen. Diese betreiben traditionell Ackerbau und stellen bei weitem den kulturell dominanteren Teil der Provinzbevölkerung.

 

Yi und Miao

In den Gebirgsregionen sieht es jedoch anders aus. Am Südrand leben viele Angehörige der Miao-Ethnie. In den südwestlichen Bergen befindet sich die autonome Präfektur Liangshan der Yi-Ethnie, die sich mit einer eigenen Schrift und starkem Traditionsbewusstsein von den meisten Minderheiten Chinas deutlich abgrenzt. (Bis 1958 herrschte hier noch Sklaventum).

 

Qiang

Die Volksgruppe der Qiang in der autonomen Präfektur Ngawa (Aba) kann sich auf eine fast 3000jährige Geschichte berufen, ist aber zahlenmäßig und vom kulturellen Standpunkt aus gesehen ohne große Bedeutung.

 

Tibeter

Die Tibeter sind in den autonomen Präfekturen Ngawa und Garzê (Ganzi) beheimatet, welche sich zum Teil mit den ehemaligen tibetischen Provinzen Kham (Kangba) und Amdo (Anduo) decken. Die Tibeter hier unterscheiden sich in sprachlicher, religiöser, kultureller, ethnischer und wirtschaftlicher Hinsicht von den Tibetern in U-Tsang (heutiges Tibet). Besondere Beachtung sei hier den Khampa zu widmen: Die tibetischen Männer mit Dolchen im Wollgürtel, langem geflochtenen Haar und einem frechen Lächeln auf den Lippen sind typisch für diese Gegend. Die ehemalige tibetische Provinz Kham erstreckt sich über den Westen der Provinz Sichuan bis in die autonome Region Tibet (Bezirk Qamdo/Chamdo, chin. Changdu) und einen Teil der Provinz Qinghai. Amdo liegt zum Teil im Nordwesten Sichuans und in Gansu, zum Hauptteil aber in der heutigen Provinz Qinghai (Kuku-nor).

 

Gyarong

Auch sollten die Gyarong nicht unerwähnt bleiben. Ihr Hauptgebiet ist am Min Jiang und Oberlauf des Dadu He. Sie teilen zwar manche Lebensbedingungen und -formen mit den Tibetern sind aber ethnisch nicht unbedingt mit ihnen in einer Linie. Trotzdem laufen sie offiziell unter dem Begriff Tibeter oder Gyarong-tibeter. Manche Ethnologen ordnen sie als Nachfahren der Qiang zu. Sie selber behaupten, eine eigene Volksgruppe zu sein. Als besonders populärer Bestandteil ihrer Kultur ist der Gordro-Tanz (guozhuang) zu nennen, ein kreisförmiger Tanz um eine Feuerstelle.

 

Andere

Han-Chinesen sind vor allem als Händler und Beamte in stetig steigender Zahl in den Kreisstädten anzutreffen. Die chinesischen Muslime (chinesisch „Hui“) konzentrieren sich mit ihren Geschäften und Läden ebenfalls auf die größeren Ortschaften und Städte. In manchen Orten finden wir noch Parzellen von Mongolen und Mandschus.

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4. Fauna & Flora

Vegetation

Die Vegetation kann im Groben in vier Zonen eingeteilt werden: Eine subtropische Mischung aus Bambus, Banyan, Zypressen und Piniengewächsen innerhalb des Beckens, dichter Mischwald aus vorwiegend Nadelbäumen und immergrünen Bäumen am Beckenrand und in höheren Lagen im Osten, weitläufiger Nadel- und Eichenwald in den Bergen und Bergtälern im Westen und Grasland mit Gestrüppflecken oberhalb der Baumgrenze und auf dem Plateau.

Das feuchte Klima im Sichuanbecken ermöglicht das Gedeihen einer üppigen, immergrünen und äußerst artenreichen Vegetation. Hunderte von Bambusarten, der Banyan mit seinen Luftwurzeln, Palmen und dichtes Buschwerk prägen hier die Landschaft und das, was nicht gerade Reisfeld ist.

In den gebirgigen Lagen im Osten finden wir vor allem Zypressen und Eichenarten. Als einzige Region auf der Welt existieren hier sogar noch der Taubenbaum und der Urwaldmammutbaum, die schon als ausgestorben galten und darum auch als lebende Fossilien bezeichnet werden.

Bewegen wir uns in die höheren Lagen im Westen, geht der üppige, immergrüne Wald allmählich in weitläufigen Nadelwald über, der sogar teilweise noch als Urwald vorhanden ist. Über etwa 3500 Höhenmetern zieht sich ein Band von, im April in bezaubernder Blüte stehenden Rhododendren über die Hänge. Der in langen, weißen Strähnen herabhängende Baumbart – eine Flechtenart – vermag den Wanderer in einen Märchenwald zu versetzen. Die Haupttäler sind in besonders tiefen Lagen jedoch äußerst trocken und karg.

Das sich in welligen Hügeln bis zum Horizont erstreckende Grasland hat neben feuchten Wiesen und mäandernden Flussläufen auch noch kniehohes Buschwerk vornehmlich aus Zwergrhododendren zu bieten. Hier befindet sich wahrhaftig ein Paradies für eine schier unendliche Zahl von Vögeln.

Über 4000m finden wir auf den Berghängen und Grasmatten eine Vielzahl von Pflanzen und Kräutern, von denen viele als Heilmittel eingesetzt werden. Zu nennen sind hier beispielsweise der wertvolle chinesische Kernkeulenpilz (Cortyceps sinensis) oder die Kaiserkrone (Fritillaria cirrhosa). Sichuan birgt Hauptvorkommen von vielen Pflanzenarten, die in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) angewandt werden. Dies lässt der Provinz bei der Verarbeitung, Herstellung und Verwendung von Pharmazeutischen Produkten besondere Bedeutung zukommen.

 

Tierreich

Dank der steilen Berghänge und unzugänglichen Schluchten blieb hier ein großer Teil der Natur vom Menschen verschont. Dieser Streifen wurde in den letzen zwei Jahrzehnten maßgeblich zum Schutz des „Nationalschatzes“ – des Pandas – in Naturschutzgebiete verwandelt. Hier sind subtropischer Regenwald, Mischwald und Nadelwald auf engem Raum benachbart. Dadurch herrscht eine außerordentliche hohe Artenvielfalt mit unzähligen seltenen und endemischen (= lokal begrenzt) Tieren und Pflanzen. Bis Mitte des 20sten Jahrhunderts gab es hier sogar noch Tiger. Die Bestände der Einhufer (Hochlandesel), Paarhufer (Tibetantilope, Takin), Wildkatzen (Schneeleopard), Bären (Panda, Braunbär) und Greifvögel (Bindenseeadler) erholen sich langsam von den rigorosen Eingriffen des Menschen im letzten Jahrhundert. Viele endemische Vogelarten und Affen (Stumpfnasenaffe) sind hier seit eh und je zahlenreich vertreten; nicht zu vergessen die unzähligen Insektenarten, von denen etliche ebenfalls nur hier vorkommen.

 

Hier finden Sie eine Liste der Pflanzen- und Tierarten

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5. Religion

Chinas weitverbreitetste Religionen sind der Buddhismus und der Daoismus. Dabei ist der Buddhismus mit Abstand am populärsten. Der Islam wird in Sichuan durch die sehr verstreut anzutreffende Hui-Volksgruppe vertreten. Es existiert eine sehr kleine christliche Gemeinde in den Städten. Im Süden finden wir reliktartig vorkommende atheistische bzw. animistische Traditionen.

 

Daoismus

Der Daoismus (=Taoismus) ist zwar die ursprüngliche Religion der Han-Chinesen – er könnte im Okzident eher als eine Art philosophische Überzeugung verstanden werden – wurde aber schon vom sechsten Jahrhundert an von buddhistischen Strömungen verdrängt bzw. absorbiert. Heute existiert er im wesentlichen nur noch in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), im Taijiquan (Tai Chi Ch'uan = Schattenboxen) und in kleinen Glaubensgemeinschaften. Sichuan stellt hier mit dem Qingcheng Shan und einigen wichtigen Tempeln (Qingyang Gong) einen bedeutenden Ursprungsort dar.

 

Buddhismus

Der Buddhismus gelangte im wesentlichen im fünften Jahrhundert von Indien nach China, hatte seine erste Blütezeit in der Tang-Dynastie und erfreute sich als tibetischer Buddhismus später bei den Mongolen und Mandschus äußerster Beliebtheit. Heute findet er vorwiegend bei den Han-Chinesen als Chan-Buddhismus (jap. Zen) und bei den Tibetern als Lamaismus oder tibetischer Buddhismus Anwendung. Trotz starker Verbreitung sind die meisten Han-Chinesen mit den Inhalten des Buddhismus nur oberflächlich vertraut.

 

Tibetischer Buddhismus

Der tibetische Buddhismus (=Lamaismus) hingegen ist für den Großteil der Tibeter Existenzgrundlage und Lebensmittelpunkt. Dies wird als erstes in einer dichtmaschigen Verteilung von Klöstern und an der hohen Präsenz von Lamas in Ortschaften und Städten sichtbar. Gebetsfahnen, heilige Berge, Pilgersleute und der Duft von Weihrauch hinterlassen beim Reisenden einen äußerst spirituellen Eindruck. Insgesamt gibt es vier Schulen, von denen die größte, die reformerische Gelugpa Schule (Geluba, Dge-lugs-pa, Gelbmützen) ist. Die anderen heißen Sakyapa, Nyingmapa (alte Tradition) und Kagyüpa(Rotmützen).

 

Boen

In manchen Gegenden Sichuans – besonders im Gyarong-Gebiet – ist sogar noch die Böen-Religion (Bon, Boen) anzutreffen, die zu unterschiedlichen Graden Verschmelzung mit dem Buddhismus aufweist, ursprünglich aber die Urreligion auf dem Hochplateau darstellte. Sie wurde aufgrund multitheistischer und schamanistischer Praktiken von den Gelugpa verfolgt, konnte sich aber vor allem im Gyarong-Gebiet in noch relativ ursprünglicher Form erhalten.

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6. Geschichte & Kultur

Frühgeschichtlich

Das Sichuanbecken wurde nachweislich schon im dritten Jahrtausend v.Chr. besiedelt. In den Gräbern Sanxingdui und Jinsha wurden Ausgrabungen des Shu-Reiches gefunden, das sein Territorium auf die Chengduebene konzentrierte. Die Ba Kultur war zur gleichen Zeit im Raum des heutigen Chongqing ansässig. Auf dem östlichen tibetischen Hochplateau und im westlichen Garzê wurden Relikte von Siedlungen aus gleicher Zeit gefunden.

Shang-Dynastie

In den Gebirgen Westsichuans bis hinauf zum Kuku-nor (Qinghai See) war von der Shang-Dynastie (ca. 16. bis 11. Jht. v.Chr.) beginnend immer wieder von den Qiang, von sogenannten tapferen Nomadenstämmen die Rede.

Qin-Staat

Der aggressive Qin-Staat, der den ersten Kaiser von ganz China stellte (Qinshi Huangdi 259-210 v.Chr.), führte seine, das gesamte damalige chinesische Territorium vereinigenden Truppen über das Qinling-Gebirge und annektierte 311 v. Chr. das Sichuanbecken. In den Jahren 276 bis 251 v. Chr. errichtete Li Bin und sein Sohn eine der aufwendigsten und fortschrittlichsten Bewässerungsanlagen seiner Zeit. Der Dujiangyan-Damm, wie die Anlage heute heißt, leitet den soeben aus den Bergen strömenden Min Jiang in ein Kanalsystem und ermöglicht somit die Bewässerung der gesamten Chengduebene.

Han-Dynanstie

Aufgrund seiner abgeschotteten und unzugänglichen Lage hegte die Bevökerung des Sichuanbeckens immer schon gewisse Unabhängigkeitsbestrebungen. Zum Ende der Han-Dynastie organisierte die daoistischen Wudoumi-Sekte (Fünf-Scheffel-Reis) – zeitgleich mit der Sekte der Gelben Turbane in Nordchina – landesweite Aufstände und destabilisierte dadurch die Han-Herrschaft. Der Kaisernachfolger Liu Bei floh nach dem Sturz der Han nach Sichuan und etablierte dort das Shu-Reich (221-263 n.Chr.) eines der nachfolgenden „Drei Reiche“. Über diese Epoche wird in dem 1522 n.Chr. erstmals erschienenen Klassiker „Die Drei Reiche (San Guo Yanyi)“ ausführlichst berichtet. Liu Bei und sein cleverer Berater Zhuge Liang werden heute noch als Sichuans Nationalhelden gefeiert und in dessen Grab, im Wuhou-Tempel in Chengdu verehrt.

Tang-Dynastie

Zur Tang-Dynastie (618-907 n.Chr.) gebührt im Raum Sichuan den beiden Dichtern Li Bai und Du Fu besondere Erwähnung. Diese zählen bis heute zu den bekanntesten Lyrikern dieser literaturgeprägten Epoche. Im „Du Fu Strohhaus“ in Chengdu sind viele seiner Werke in Stein verewigt und zur Betrachtung freigegeben. Weiterhin herrschte zwischen den tibetischen Regenten und dem Tang Kaiserhaus ein relativ gutes politisches Klima. Kultureller und wirtschaftlicher Austausch vor allem in den Gebieten in Kuku-nor (Qinghai), sowie die Vermählung einer Kaisertochter (Prinzessin Wencheng) nach Lhasa trugen dazu im Besonderen bei. Auf letzteres Ereignis beruft sich die Führung der VR China sehr gerne und rechtfertigt damit die Zugehörigkeit Tibets zur heutigen Volksrepublik.

König Gesar

Wohl im elften Jahrhundert lebte und wirkte König Gesar, (nach manchen Quellen lebte er jedoch schon vor 2000 Jahren). Er wurde höchstwahrscheinlich im Nordwesten der Präfektur Garzê, in Ngaxu, im Herzen Khams geboren. Als Vereiniger von untereinander im Krieg stehenden tibetischen Stämmen erkämpfte er sich heldenhaften Ruhm. Außerdem verteidigte er das Königreich Ling (in Kham) gegen mongolische Eindringlinge aus dem Norden. Seine glorreichen Taten sind in dem Epos „König Gesar“ beschrieben, das mit 120 Bänden und 1 Mio. Versen als längstes Epos der Welt angesehen werden kann.

Die Mongolenherrschaft

Wie eben bereits erwähnt, begaben sich mongolische Nomadenstämme aufgrund ihrer Vorliebe für offenes weites Grasland immer wieder auf Eroberungszüge auf das tibetische Hochplateau und setzten sich im 13. Jahrhundert endgültig dort fest. Die Mongolen eroberten von Norden her Rest-China und gründeten die Yuan-Dynastie (1279 bis 1368 n.Chr.). Der tibetische Buddhismus stieß bei den Mongolen, die ja wie die Tibeter ein Nomadenvolk waren, auf besonderes Interesse. Tibetische Geistliche wurden nach Peking an den Hof berufen, wo ihnen die Leitung aller religiöser Gemeinschaften auferlegt wurde, (was übrigens katastrophal endete).

Ming Dynastie

In der darauf folgenden Ming-Dynastie (1368-1644 n.Chr.) herrschte für knapp 300 Jahre wieder eine Han-chinesische Regierung in China. Ihr politisches Machtgebiet war jedoch wesentlich kleiner als das der Yuan oder Tang. Das tibetische Hochplateau blieb im Großen und Ganzen immer noch in mongolischer Hand, Kham und Amdo war unter der Herrschaft lokaler Führer. Trotzdem wurde von den Ming-Kaisern immer wieder versucht, über religiöse Anerkennung bzw. Ordensverleihung, Einfluss auf die tibetischen Gebiete zu nehmen. Diese Politik sollte aber erst unter der mandschurischen Herrschaft der Qing (1644-1911) Früchte tragen, und die mongolische Administration für immer vom Hochplateau verbannen.

Das Grosse Westreich

Als am Ende der Ming das Reich zerfiel, setzte sich ein aufständischer Feldherr der Ming – Zhang Xianzhong – 1644 in Sichuan fest und gründete das unabhängige „Grosse Westreich“ mit Chengdu als Hauptstadt. Seine Regentschaft erwies sich hingegen als Schreckensherrschaft. Immer wieder fanden Massaker an der Bevölkerung statt. 1647 wurde er dann letztendlich von den nach Sichuan eindringenden Mandschus geschlagen. Das nun fast vollkommen entvölkerte Sichuan war seiner Traditionen und Kultur nahezu beraubt.

Qing Dynastie

In den folgenden Jahrzehnten immigrierten Chinesen aus Kanton und Hubei in diese fruchtbare Region und beeinflussten Sprache und Brauch. So finden sich im Sichuan-Dialekt noch heute Ausdrücke und Redeweisen aus dem Kantonesischen. Auch der Ausdruck „die Hände losbinden“ (jie shou) für "auf die Toilette gehen" stammt aus dieser Zeit: Die Gefangenen waren in einer Reihe an einem Seil festgebunden. Auf den Lokus durfte aber nur alleine gegangen werden. Deshalb die Bitte nach dem Losbinden der Hände.

In Tibet hatten die Mandschus einfaches Spiel. In Kham fiel es ihnen jedoch schwer, die relativ unorganisierten „Khampa“ (Kham Bevölkerung) mittels Administration durch reinkarnierte Lamas und Lokalfürsten (Tu Si) zu kontrollieren. Mehrere Jahre bitteren Krieges prägten insbesondere die Gyarong-Region. Wehrtürme jeder Höhe und Form sind heute noch Beweise für diese Zeit unter Kaiser Qianlong.

Die Republik China

In der Republik China (1912-1949) wurde Westsichuan und Osttibet als eigene Provinz namens Xikang (Xikham) von der Zentralregierung verwaltet. Erst im Jahre 1955 wurde die heutige Grenze zwischen Sichuan und Tibet festgelegt.

Guomindang und Kommunisten

1934 brach die KP zu ihrem berühmten langen Marsch auf. Ihr Weg aus der Umklammerung der Guomindang (Kuomintang) begann in Jiangxi (Südchina) und führte u.a. über Westsichuan nach Yan'An (Nordchina). Von den 100 000 losgezogenen Revoltionären ließen etwa 90 000 ihr Leben. Im Hochgebirge und auf der Feuchthochebene in Hongyuan in der Präfektur Ngawa (Aba) verhungerte, erfror oder erkrankte ein Großteil von ihnen.

Im Zweiten Weltkrieg kam Sichuan nochmals eine wichtige Rolle zu. Jiang Jieshi's (Chiang Kaishek) Guomindang wurde 1938 von den japanischen Besatzern gezwungen, den Regierungssitz nach Chongqing zu verlegen, wo er bis 1949, dem Sieg der Volksarmee bestehen bleiben sollte. Nach dem Sieg der KP begannen Umerziehungsmaßnahmen an den "primitiven" Tibeter und ihre feudale Gesellschaftsstruktur.

Befreiung Tibets

Mit der Unterdrückung eines Aufstandes von 1959 marschierte die Volksbefreiungsarmee in Tibet ein. Die in Westsichuan befindlichen Gebiete der Regionen Kham und Amdo wurden in den darauf folgenden Jahren „befreit“. 1958 wurde ein besonders unzugänglicher und vernachlässigter Teil (Meigu) der autonomen Region Liangshan der Yi-Ethnie, besetzt und dazu gezwungen, ihr traditionelles aber hartes System mit drei Bevölkerungsklassen (kaufbaren Sklaven, Herrscherfamilien und Halbfreien) abzulegen.

Aufbau der VR

So glorreich die kommunistische Partei auch aus dem Bürgerkrieg hervorging, in den Jahren 1958 bis 1961 („Großer Sprung nach vorn“) führten politische Fehler zu großen und nachhaltigen Katastrophen. Die ganze Bevölkerung war dazu angehalten, Stahl (mit Wasser) zu kochen, wozu ganze Landstriche abgeholzt wurden und gleichzeitig die Felder nicht mehr bewirtschaftet werden konnten. Dies führte zu einem ökologischen Desaster und zu einer entsetzlichen Hungersnot mit zig Millionen Toten.

Kulturrevolution

In den Jahren der Kulturrevolution (1966-1976) machte die Zerstörungswut vor den meisten kulturellen Monumenten und "reaktionärem" Gedankengut nicht halt. Selbst tibetische Klöster in den abgelegensten Teilen Sichuans blieben dabei nicht verschont. Die explosionsartig ansteigende Bevölkerungszahl und das politische Ziel, die Natur in absolutem Maße zu unterwerfen, führte ab den Sechzigern zu einer immensen Rodung und Nutzbarmachung von Land, und zu massenartigen Jagdevents, an denen ganze Dörfer in die Berge zogen und alles erlegten, was sich bewegte (selbst der Panda war zu dieser Zeit ein begehrtes Jagdopfer).

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7. Politik

Umwelt

Nach den verheerenden Überschwemmungen des Yangzi in den Jahren 1998 und 1999 wurde eine Ursache dafür in der Entwaldung des Yangzi Oberlaufes gesehen. Das rief umgehende Wiederaufforstungsmaßnahmen und ein sofortiges Baumfällstop auf den Plan.

 

Wirtschaft

Durch die im Jahre 2000 eingeleitete Politik zur Öffnung und Entwicklung der chinesischen Westprovinzen, die wirtschaftlich viel schwächer sind als die Küstenprovinzen, wurden für Sichuan zwei Ressourcen als wichtigste Entwicklungsfaktoren festgelegt: Wasserkraft und Tourismus. Chengdu wurde dabei für die so genannte „Westentwicklung“ (Xibu Dakaifa) als Administrationszentrum auserkoren. Der touristische Wert vieler Gebiete wird den Behörden allmählich bewusst, und zeigt in nachhaltigeren Umweltschutzmaßnahmen und einem Trend zu sanftem Tourismus erste Auswirkungen. Umweltschutz ist auch ein Kernpunkt im nächsten Fünfjahresplan.

 

8. Tourismus

In den letzten Jahren wird viel Wert auf die Entwicklung der Tourismusbranche gelegt. Nicht nur für inländische Touristen, sondern auch zunehmend für internationale Gäste werden entsprechende Angebote geschaffen. Als bekannteste Sehenswürdigkeiten sind zu nennen: Jiuzhaigou, Huanglong, Emei Shan, der Riesenbuddha in Leshan, Dujiangyan, Qingcheng Shan, Daocheng mit Yading, der Hailuogou Gletscherpark am Gongga Shan (Minya Konka), Sanxingdui Museum, Siguniang Shan, etc.

Etwas ruhiger und traditioneller geht es in vielen alten Ortschaften zu, in denen das traditionelle Stadtbild bzw. der Ortskern größtenteils nicht verloren gegangen ist.

 

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